mew.tv » de »

Hamburg

Jannis und ich kamen vor einiger Zeit auf Hamburg zu sprechen und ich meinte zu ihm, dass ich die Stadt nicht so wirklich schätzen kann. Er fragte dann, was mich an Hamburg stört und nach einem halben Jahr hatte ich endlich alle traumatischen Erinnerungen wieder beisammen, um sie in Form einer Instagram-DM aufschreiben zu können.


Hamburg… was soll man zu Hamburg sagen?

Es gibt viele Sachen, die an Hamburg nicht zu verstehen sind. Zum Beispiel, dass sich die Stadt für enorm cool hält, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Es ist zu groß, ranzig, zugig und kalt, und die Mentalität des Hamburgers verklärt diese offensichtlichen Nachteile zu liebenswerten Eigenheiten. Nein, es ist nicht gemütlich, wenn ganze Häuserblöcke, Straßenzüge und Wohnviertel aus ein und demselben dunklen Klinker mit winzigen Schießscharten-Fensterchen bestehen. Es ist nicht charmant, in einem U-Bahnhof über 20 Penner zu stolpern, die im Eiswind vor sich hin siechen (es ist immer eisig und windig in Hamburg). Es ist nicht schick, wenn das einzige Szeneviertel der Stadt nur aus absichtlich verwahrlosten Kneipen und Häusern besteht, in denen akademische Nachbarn die Kunst der Verdrängung perfektioniert haben. Manche Hauseingänge haben ein separates Stahltor, um den Pöbel draußen zu halten und überall ist Pisse, das macht es ja gerade so authentisch.

Denn Hamburg bildet sich wirklich etwas darauf ein, ungemütlich und voller Urin zu sein. Zugezogene sehen darin wohl auch so eine Art kulturelles Erlebnis. Wow, so dreckig! So viel Elend! Hamburg!

Die Stadt hat Geld ohne Ende, aber es landet in absurden Prestigeprojekten (Elphi, die unbezahlbare und seelenlose Hafencity oder dieser unfertige Turm oder eine vergoldete Hauswand in einem von Sozialhilfe geprägten Viertel). Absurdes Prestige beanspruchen die Hamburger auch für sich selbst. Sie scheinen untereinander einen Geheimvertrag ausgehandelt zu haben, der es vorsieht, sich bei allen Temperaturen über 20 °C sofort zu beschweren, wie brüllend heiß und unerträglich es ist, und dass ja zehn Grad total ausreichen würden. Jedes Mal. Du fragst dich irgendwann, ob das ein Theaterstück nur für dich ist oder ob sie das auch untereinander tun, wenn du ihnen nicht dabei zusiehst.

Klar, Hamburg hat ein cooles Image, aber worauf fußt das überhaupt? Die Architektur schwankt zwischen klotzig und industriell, ist dabei aber meistens einfach nur trist und langweilig. Die JVA Fuhlsbüttel findest du zum Beispiel sehr leicht, weil sie hübscher aussieht als das sie umgebende Wohngebiet.

Und nichts an der Stadt fühlt sich besonders lässig an. Die Busse und Bahnen sind fantasielos und lebensverneinend gestaltet, und wirklich schön erhaltene orangene U-Bahnhöfe wie in Harburg werden weiß gefliest, weil es ja unbedingt noch steriler werden muss. Dem gegenüber dann wieder der Hauptbahnhof. Als hätte ein Monarchist mit einer Leidenschaft für Enigma-CDs einmal Chicago in den 30ern besucht und seine spirituelle Erleuchtung in Stahl gießen wollen! Das Teil ist eine Geschmacklosigkeit sondergleichen, irgendwo zwischen Taj Mahal und Fabrikhalle, immer zu voll, nie fahren Züge pünktlich und alle weiteren Verkehrsmittel sind drangeflanscht. Geh mal vom Bahnsteig zu Saturn, plötzlich landest du in einem kleinen, schiefen Tunnel an dem sich große Menschen den Kopf stoßen, so klein ist der! Und natürlich das Philips-Logo. Passt ja auch genau dorthin - war mal in den 1980ern irgendwie relevant, aber ist inzwischen nur noch peinlich. So wie Hamburg.

Nimmst du die S2 Richtung Dammtor, fährst du über die Lombardsbrücke und schaust auf den Jungfernstieg. Es ist die einzig schöne Ecke der Stadt und wird von Hamburgern immer gerne als Beispiel genannt für die vielen schönen Ecken, die es in Hamburg gibt.